Scroller

Graubünden hat genügend Kunst

RTW 2012 Diary / Posted by Ernst Bromeis / Friday, 30. December 2016

Weihnachten hat mir den letzten Geschenkewunsch nicht erfüllt. Der Schnee vom Himmel blieb aus.

 

Doch brauchen wir den Schnee von oben überhaupt noch? Der seit Wochen künstlich produzierte Schnee in Graubünden und im restlichen Alpenraum hat das „Glück von oben“ ersetzt. Meine Frau meinte kürzlich auf den perfekt präparierten Pisten auf dem Jakobshorn in Davos, dass sie das Gefühl habe, dass es noch nicht lange her sei, dass wir noch am Skifahren waren. Ich habe ihr geantwortet, dass ich das gleiche Gefühl habe. „Wir mussten nicht mehr auf den Schnee warten. Wir mussten nicht mehr auf den Schnee hoffen.“ Die Sehnsucht nach dem Winter und einem grossen Tiefdruckgebiet und der Kälte wurde vom Schnee auf Bestellung ersetzt. Heutzutage findet der Schneetourismus auf Knopfdruck statt. Wie anderorts das Hallenbad oder die Kunsteisbahn geöffnet wird, wird der Schneesport auf den Kalendertag genau lanciert und inszeniert.

 

Ich kann die Tourismus-Industrie in den Alpen verstehen. Sie sieht momentan keine andere Lösung als das Ziel der flächendeckenden Beschneiung. Das Wettrüsten mit Schnee-Kanonen ist eindrücklich und reizt die Ressourcen vom Wasser bis zu den Finanzen maximal aus. Vor einem Jahrzehnt galten die Bergbahnen noch als der Wirtschaftsmotor im wintertouristisch geprägten Raum in Graubünden. Heute fragen die gleichen Bergbahnen die Gemeinden um öffentliche Gelder an, damit die Infrastruktur am Berg finanziert werden kann. Welcher Paradigmawechsel in zehn Jahren!

 

Ich wage es zu behaupten: Bergbahnen, Gemeindebehörden, Hoteliers, Tourismusdirektorinnen oder Wirtschaftsförderer, alle wissen es, dass wir in der Winter-Tourismus-Sackgasse sind. Niemand der Genannten würde heutzutage den Wintertourismus erfinden, müsste man zuerst die ganze Schneeinfrastruktur aus dem Bergboden stampfen. Der Wintertourismus als Wohlstandstreiber konnte nur dank dem Geschenk vom Himmel funktionieren. Das ist vorbei!

 

Es herrscht das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung, dass die eigene Bergbahn und Destination das finanzielle Roulettespiel überleben wird und die andere eben nicht. Survival of the fittest am Schneeberg!

 

Der Schneetourismus hat uns in den letzten 150 Jahren nebst dem Zweitwohnungsbau den grossen Wohlstand beschert. Ich glaube nicht, dass wir in naher Zukunft unseren finanziellen Wohlstand in den Alpen bewahren werden können. Wir werden bescheidener leben müssen. Denn irgendwann werden einige nicht mehr „mitbieten“ können.

 

Unser Trost ist es, dass wir nicht verdursten werden. Wir werden neue Wege finden müssen. Je schneller umso besser. Auf jeden Fall kann es nicht schaden, wenn die Schneesportindustrie sich für das Neue Jahr 2017 eine Karaffe mit Wasser füllt. Es wird für einige höchstwahrscheinlich eine lange Durststrecke geben.

 

Ich wünsche Ihnen einen Guten Rutsch ins 2017. Höchstwahrscheinlich auf Kunstschnee.

 

 

Video auf GR-heute: http://grheute.ch/2016/12/27/survival-fittest-schneeberg/

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