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Was bleibt? (25.09.2014)

RTW 2012 Diary / Posted by Christian Gartmann / Thursday, 25. September 2014

Seit rund 40 Tagen bin ich wieder an Land – und doch bin ich gedanklich immer wieder im Wasser. Ich habe das Gefühl, in einer Zwischenwelt zu leben, zwischen Wasser und Land, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nach der langen Vorbereitungszeit und der eigentlichen Expedition 2014 herrscht ein grosses Gefühl der Dankbarkeit, dass es geklappt hat. Doch auch die Leere holt mich hie und da wieder ein, obwohl es viel zu tun gibt. Das Spannungsfeld zwischen Euphorie und Apathie ist aber völlig normal und gehört zum Prozess der Verarbeitung und der Regeneration. Was aber bleibt von der Expedition 2014?

Was bleibt, sind grosse Emotionen, die ich immer wieder einzuordnen versuche. Täglich tauchen neue Erinnerungen an die Reise zwischen der Quelle am Lago die Dentro und der Mündung in Hoek van Holland auf. Seit ich die ersten Fotos gesehen habe und diese nun für Vorträge benutze, wird mir so richtig bewusst, wo ich unterwegs war. Die Fotos und Filmaufnahmen zeigen mir die Aussensicht. Als Schwimmer hatte ich über Wochen einen speziellen Blick auf den Fluss und die Landschaft. Diese, meine Sicht nun durch die Fotos und Filme zu ergänzen ist sehr wertvoll und ermöglicht mir eine mehrdimensionale Sicht auf den Wasserweg zwischen Quelle und Mündung.

Was bleibt, ist eine grosse Anzahl Gratulationen. Und mir bleibt, zu danken. Die vielen Worte haben mir gut getan und einige konnten nachfühlen, wie gross meine Freude gewesen sein muss, nachdem ich im Mai 2012 den ersten Rhein-Versuch hatte abbrechen müssen. Somit bleibt auch die grosse Genugtuung, es nochmals gewagt zu haben. 

 

Der Fortschritt basiert auf dem Scheitern

In meinem Abschluss- und Aufbruchbericht von November 2012 hatte ich geschrieben: „Ich werde immer wieder gefragt, ob ich den Rhein nochmals schwimmen werde. Vielleicht muss man im Leben nicht alles erreichen. Vielleicht kann man einen Traum auch im Raum schweben lassen, ohne ihn zu verwirklichen. Vielleicht werden wir aber erst erfahrener und weiser, wenn wir es immer wieder wagen.“ Jeder Fortschritt und somit jede Evolution basiert auf dem Scheitern. Das Scheitern zeigt uns auf, was möglich ist und was unmöglich ist und wo der Schlüssel liegt, um wieder aufzustehen und um es wieder zu wagen. Wenn wir nicht mehr die Möglichkeit haben zu scheitern, beginnen wir unser Leben nur noch zu verwalten – und das ist des Fortschritts und des Abenteuers Tod.

Was bleibt, ist meinem Team zu danken, meiner Frau Cornelia und meinen Kindern Damaris, Salome und Benjamin. Ohne sie wäre ich vielleicht nach dem Rhein 2012 nicht mehr aufgestanden. Sie haben mich auf diesem langen Weg immer wieder aufgerichtet und gestützt. Alleine kann man den Rhein nicht schwimmen! Danke auch meinem Expeditions-Team vor Ort. Wir haben gemeinsam gegen das Wetter, unwegsame Strassen oder die Tücken der Technik gekämpft, kamen oft an unsere Grenzen, haben aber auch viel gelacht. Unser gemeinsamer Hunger, die Mündung zu erreichen, hat uns weit gebracht. Vielen Dank!

Was bleibt, ist nun die Arbeit an Land. Die 3. UNO-Weltwasserwoche in Scuol und das Weltwasserzentrum „Pol des Wasser – Pol des Lebens“. Für diese Projekte setze ich die Segel und drehe sie in die richtige Richtung. Ich freue mich auf den Weg und die konkrete Umsetzung.

Was bleibt, ist Ihre Chance auch selbst etwas zu tun: Meine Sammelaktion bei der Helvetas-Aktion "Life Changer" für sauberes Trinkwasser im Afrikanischen Benin läuft noch wenige Tage. Schon mit 30 Franken kann ein Mensch lebenslangen Zugang zu Trinkwasser erhalten. Ihre Unterstützung kann Leben retten und Leben verändern: Hier geht es zur Sammelaktion


Das Gefühl, angekommen zu sein.

Wie mein Leben als Wasserbotschafter und Grenzschwimmer genau weiter gehen wird, weiss ich nicht. Ein Buch, ein Film, eine weitere Expedition? Wer weiss?

Die Europäische Wassertrilogie mit den Quellen Graubündens 2008, mit den Seen der Schweiz 2010 und dem Rhein als Verbindendes zwischen Quelle und Meer ist nun abgeschlossen. Seit dem Hinausschwimmen in die Nordsee bin ich wieder frei und ein Teil der siebenjährigen Arbeit hat ein Ende gefunden.

Das Gefühl, im Meer angekommen zu sein, werde ich nie vergessen. Das bleibt.


Euer Ernst Bromeis

Wasserbotschafter und Grenzschwimmer

 

 

Dokumentation

Die komplette Mediendokumentation zum Download von Dropbox finden Sie hier.

Bilder zur freien Verwendung zum Download von Flickr liegen hier bereit. 

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